Die artgerechte Ernährung

Die gesunde Ernährung

Das Kaninchen ist, was es isst

In einem gesunden Leib lebt eine gesunde Seele – dies gilt für Menschen ebenso wie für Tiere. Nur wenn dem Körper durch die Ernährung das geschenkt wird, was er braucht – und nichts, was er NICHT braucht – kann er gesund bleiben, denn sie ist die Basis des Lebens.

Wie bei uns Menschen gibt es für Kaninchen so viele verschiedene Theorien, was nun eigentlich zu einer gesunden Ernährung dazu gehört, dass man quasi eine Wissenschaft daraus machen könnte.

Dabei ist es im Grunde ganz einfach, Kaninchen gesund und artgerecht zu füttern: man braucht sich nur daran zu orientieren, was ihre freilebenden Kollegen zu sich nehmen, denn das ist die natürlichste und damit gesündeste Ernährung. Kaninchen sind Pflanzenfresser, also reine Veganer, und sie bevorzugen frische, blättrige Pflanzen.

All you can eat

Kaninchen besitzen einen sogenannten Stopfmagen. Die Darmmuskulatur ist sehr schwach ausgebildet, was bedeutet, dass der Nahrungsbrei nur durch Nachschub weitertransportiert wird. Kaninchen fressen sehr viele kleine Mahlzeiten den ganzen Tag (und die Nacht) über verteilt. Ihnen muss also permanent Futter zur Verfügung stehen, damit die Verdauung nicht zusammenbricht – Fasten ist deshalb fatal für Kaninchen!

Achten Sie aber darauf, dass kein Grünfutter längere Zeit auf einem dichten Haufen liegt, denn dann fängt es schnell an zu gären, besonders im Sommer. Die Folge können schwere Verdauungsprobleme sein, sollte solch ungeeignetes Futter gefressen werden.

Bald gras´ ich am Neckar, bald gras´ ich am Rhein…

In freier Wildbahn ernähren sich Kaninchen von frischen Gräsern, Kräutern, Blättern, Ästen und Rinden junger Bäume und Sträucher. Frische Wiese, zusammen mit Zweigen ungiftiger Bäume, ist somit auch die gesündeste Nahrung unserer Hauskaninchen und sollte den Hauptanteil des Menüs ausmachen. Das schmeckt lecker, und viele Kräuter sind noch dazu heilkräftig, ein weiterer Vorteil der Wiesenfütterung.

Es sollte ein buntes Gemisch verschiedener Pflanzenarten sein, mit einem großen Anteil an Gras, das rohfaserreich und kalorienarm ist und der Verdauung gut tut. Überdies sorgt Gras mit seiner Kieselsäure für einen guten Backenzahnabrieb.

Je mehr Arten man anbietet, desto besser, wobei jede neue Pflanze erst einmal langsam angefüttert werden muss, um Verdauungsprobleme zu vermeiden.

Kaninchen vertragen viele Pflanzen problemlos, die für Menschen giftig sind, z.B. Rainfarn, Sumpfschachtelhalm oder Schöllkraut. Obwohl geübte „alte Hasen“ stark giftige Pflanzen erkennen und ausselektieren können, sollte man sich nicht darauf verlassen und muss als Sammler dennoch die giftigsten Pflanzen kennen und meiden. Hierzu zählen alle Nachtschattengewächse wie u.a. Fingerhut, Tollkirsche, Stechapfel/Engelstrompete, Kartoffel- und Tomatenpflanzen sowie Schierlingsarten; Aronstab, Herbstzeitlose, Bilsenkraut, Maiglöckchen, Rittersporn, Wolfsmilchgewächse, Oleander und die Eibe.

Bevor man pflückt, sollte man sich also ein wenig mit der Botanik auseinandersetzen, mit einigen leicht zu erkennenden Arten wie Löwenzahn, Gräsern aller Art, Klee, Gänseblümchen, Wiesenbärenklau, Schafgarbe und Wegerich, Haselnuss, Weide, Obstbäumen (ungespritzt!) und Birke beginnen und nach und nach das Sortiment erweitern. Es macht Freude, für die Tiere zu sammeln, immer mehr Kenntnis der Natur zu gewinnen, und schließlich mag es einem so gehen wie der Autorin dieses Textes, bei der immer mehr der Arten auch in die eigene Salatschüssel wandern.

Sehr kalziumreiche Pflanzen wie Wiesenkerbel, Wegeriche oder auch Giersch sollte man nur in geringen Mengen verfüttern, weil ein Zuviel davon Blasengries bei Kaninchen begünstigt.

Wichtig ist, Orte zu wählen, die möglichst unbelastet, nicht gespritzt und gedüngt sind und die nicht direkt an vielbefahrenen Straßen liegen. Stellen, die von Hunden verschmutzt werden, sollte man vermeiden.

Wiesen mit Wildkaninchenbeständen sind keinesfalls geeignet, da man kaninchenspezifische Krankheitserreger mit dem Sammelgut verfüttert. Besonders durch die schweren Seuchen Myxomatose, RHD und der Variante RHD-V-2 wäre das sehr gefährlich, selbst bei geimpften Tieren!

Bitte seien Sie achtsam mit der Natur! Keine seltenen Arten pflücken, nie einen ganzen Bestand plündern, Blüten für die Bienen stehenlassen, Pflanzen nicht mit Wurzeln ausreißen, nicht in Naturschutzgebieten sammeln! Und respektieren Sie auch die Bauern, denen die Wiesen gehören. Zertrampeln Sie nicht alles, denn sie brauchen ihre Wiese schließlich auch.

Leise rieselt der Schnee…

Den Großteil des Jahres über ist es möglich, Kaninchen fast ausschließlich mit frischem Naturgrün zu versorgen, aber schließlich kommt er doch, der Winter, und die Wiesen sind kahl. Lediglich Zweige von Bäumen kann man immer noch gut geben. Im Herbst sollte man beginnen, langsam auf die Winterfütterung umzustellen, indem man immer mehr Salate und (blättriges) Gemüse aus dem Handel anbietet. Ebenso muss die Umstellung im zeitigen Frühjahr langsam geschehen, was aber naturgegeben ist, weil das erste Grün im zeitigen Frühjahr auch erstmal langsam sprießt.

Summer in the city

Nun hat natürlich nicht jeder die Möglichkeit, durch Wiesen und Wälder zu streifen, vor allem wenn er/sie in einer Großstadt lebt. Hier bietet sich die Möglichkeit an, eine kleine Balkonwiese anzulegen, also Pflanzen in Blumenkästen zu ziehen, und damit das Futterangebot zu ergänzen. Wenn man geschickt den Platz nutzt, wächst auch auf einem kleinen Balkon erstaunlich viel und das blühende Grün erfreut auch noch Bienen oder Schmetterlinge ebenso wie das eigene Auge.

Ansonsten eignen sich Salate, Kohlrabiblätter, Möhrchengrün sowie Blätter von verschiedenen Gemüsesorten und Radieschen als Futterbasis. Viele Mitarbeiter in Gemüsegeschäften sind sehr freundlich und wenn man nett darum bittet, sammeln sie auch das Grün von Karotten, Kohlrabi, Radieschen und Co., das Kunden zurücklassen. Man sollte es aber nicht einfach selbst abreißen, ohne zu fragen. Das ist Sachbeschädigung und sehr unhöflich obendrein!

Blättriges Gemüse sollte gegenüber Knollen deutlich überwiegen, da letztere oft viel Stärke und Kalorien enthalten. Gute Futtersorten aus dem Gemüsegeschäft finden Sie in unserer Futterliste. Diese Sorten sind auch geeignet für die Winterfütterung von „Wiesenkaninchen“.

Ich bin doch kein Müllschlucker!

Für alles gilt: frisch und knackig muss es sein, sauber, ohne gelbe oder gar faulige Stellen. Füttern Sie qualitativ nur, was Sie selbst essen würden. Abfälle wie Kartoffelschalen, Kerngehäuse von Äpfeln oder gar Bananenschalen gehören auf den Kompost, keinesfalls auf die Kaninchentafel!

Klugerweise bevorzugen übrigens viele Kaninchen biologisch angebautes Gemüse, das weniger düngemittel- und pestizidbelastet ist.

HEUte gibt es Trockenwiese

Lange galt Heu als Grundnahrungsmittel für Kaninchen, aber diese Empfehlung wurde mittlerweile stark relativiert.

Heu, also getrocknete Wiese, ist zwar rohfaserreich, was sehr positiv und auch notwendig ist, enthält aber auch sehr viele Mineralien, die, anders als bei frischer Wiese, in konzentrierter Form aufgenommen werden. Ganz besonders bei Trockenkräutern ist der Kalziumgehalt extrem hoch, was sehr schnell zu Blasengries und –steinen führen kann. Das Problem wird dadurch noch verstärkt, dass Heu dem Körper Wasser entzieht.

Neueste wissenschaftliche Forschungen haben aufgezeigt, dass Heu sogar eher schlecht ist und wegen der zu hohen axialen Bisskraft, die dafür aufgewendet wird, Zahnprobleme begünstigt. In einer Studie wurden die Schädel von Wild- und Hauskaninchen verglichen und dabei fand man heraus, das sich zwar das Gebiss nicht wesentlich unterscheidet, durch die Zucht aber sehr wohl die Kopfform. Durch den verkürzten Kopf hat sich die Lage der Zähne im Verhältnis zur Kopfform verschoben, womit sich die Bisskraft erhöht hat. Die Folgen können Zahnbrüche, Fehlstellungen der Zähne bis hin zu Kieferdurchbrüchen sein. (Quelle: C. + E. Böhmer).

Dennoch kann den Kaninchen gern hochwertiges, duftendes Heu zur Verfügung gestellt werden, weil es insbesondere im Winter eine wichtige Rohfaserquelle darstellt, was für die Kaninchenverdauung unabdingbar ist. Man sollte jedoch darauf achten, dass es eher weich und möglichst frei von harten, dicken Stängeln und Grashalmen und auch nicht zu kräuterreich ist. Gut geeignet ist beispielsweise Grummet, also Heu vom zweiten Schnitt, das generell feiner ist als der erste Schnitt.

Mama, ich will ein Bonbon

Eine süße Erdbeere oder Himbeere naschen, ein saftiges Stückchen Apfel oder Birne, als Krönung vielleicht sogar etwas Banane…Kaninchen lieben Obst. Allerdings sollten sie den Kaninchen genau wie die Bonbons den Kindern nur als Leckerchen gereicht werden, denn sie enthalten viel Zucker.

Trockenfrüchte, insbesondere Cranberries und Rosinen, sind genauso beliebt. Auch hier gilt: Bitte in Maßen!

Tipp: Solche Leckereien können gut genutzt werden, um Medikamente darin zu verstecken.

Gibt es hier was zu knabbern?

Saaten und Sämereien dürfen Kaninchen in geringen Mengen bekommen, meistens sind sie auch sehr beliebt. Ölsaaten wie Leinsamen/-kuchen und Schwarzkümmelkuchen (die Masse, die bei der Ölgewinnung in den Ölmühlen zurückbleibt) sind sogar sehr gesund, weil sie helfen, während des Fellwechsels verschluckte Haare auszuscheiden. Außerdem machen sie das Fell glänzend und gesund.

Sonnenblumenkerne werden auch gern geknabbert. All diese Saaten sind aber wahre Kalorienbomben, von daher bitte nur wenig geben.

Wollen wir was trinken gehen?

Frisches Wasser muss immer zur freien Verfügung stehen, auch wenn Kaninchen relativ wenig trinken, wenn sie genügend frisches Grün zur Verfügung haben. Am besten nimmt man einen stabilen Trinknapf aus Keramik, Nippeltränken sollten vermieden werden. Auch wenn sie praktisch erscheinen, haben sie einige große Nachteile. Sie sind schwer zu reinigen, veralgen schnell, Bakterien können sich vermehren und das Wasser wird unhygienisch. Das Kaninchen muss den Kopf unnatürlich nach oben halten, während es in der Natur aus Bächen und Pfützen trinkt. Ferner bekommt es dann nur tröpfchenweise Wasser, und wenn Sie jemals wirklich Durst hatten, können Sie nachvollziehen, dass das nicht gerade angenehm ist.

 

Was Kaninchen NICHT bekommen dürfen:

Schon mal ein Wildkaninchen in einer Bäckerei beim Einkauf gesehen?

Es hält sich hartnäckig: Das trockene Brot auf dem Kaninchen-Speiseplan. Diese Idee stammt noch aus Zeiten, in denen das Kaninchen das „Schwein des armen Mannes“ war und ausschließlich zum Schlachten gehalten wurde. Diese armen Tiere sollten vor allem fett werden, und da sie praktisch nie auch nur ihr erstes Lebensjahr vollenden durften, war die Zerstörung der gesunden Darmflora, des Kiefers und der Zähne gleichgültig.

Aber: Getreide ist schädlich für Kaninchen! Getreide enthält viel Stärke, die aber von Kaninchen nur schwer in Einfachzucker aufgespalten werden kann. Die Stärke wandert teilweise in den Dickdarm weiter, wo sie den ph-Wert negativ verändert, was dazu führt, dass die gesunde Darmflora abstirbt, wohingegen sich schädliche Bakterien vermehren. Das Resultat sind schwere Verdauungsstörungen.

Ein weiterer negativer Aspekt ist eine unzureichende bzw. falsche Abnutzung der ein Leben lang wachsenden Zähne. Sie sind perfekt, um Gräser mit horizontalen Kaubewegungen zu zermahlen bzw. zu zerschneiden, aber nicht, um Körner vertikal und mit viel Druck zu zerbeißen. Dadurch werden Kiefer und Zähne zu stark belastet, es kommt zu Zahnstellungsfehlern und mitunter schweren Kiefererkrankungen, wobei die Zahnwurzeln durch den Kieferknochen brechen können.

Eine Ausnahme bildet der Hafer, den man als Flocken (und nur als Flocken) unter gewissen Umständen verfüttern kann. Hafer kann von allen Getreidearten noch mit am besten von der Kaninchenverdauung aufgeschlossen werden. Er hat mit ca. 10% den höchsten Rohfaseranteil aller gängigen Getreidesorten und gilt als eher energiearm im Verhältnis zu anderen Getreidearten wie zum Beispiel dem äußerst energiereichen Mais. Hafer eignet sich zumeist gut für Fälle, in denen ein stark untergewichtiges Kaninchen wieder aufgepäppelt werden soll, als Krankenkost. Gesunde Kaninchen benötigen dagegen keinen Hafer, da er trotzdem immer noch viel Rohfett enthält und außerdem sehr stärkereich ist.

Fast Food, Convenience und das Marketing

Wenn man sich einmal im Handel für Tierfutterbedarf umschaut, wird man fast erschlagen von dem riesigen Angebot an Alleinfuttermitteln und Leckerchen für Kaninchen. Alles ist schön bunt, überall steht „gesund“ drauf.

Heimtierfutter ist ein großer Wirtschaftszweig, aber „gesund“ sind diese Produkte allenfalls für die Bilanz der Konzerne, ganz sicher nicht für die Tiere. Wenn man sich einmal die Zusammensetzung anschaut, erkennt man schnell, dass es sich in erster Linie um Abfallprodukte der Agrarindustrie handelt, die in Form gepresst und hübsch bunt eingefärbt werden, um den Kunden zu verführen. Da findet man die absurdesten Inhaltsstoffe, bis hin zu Milchprodukten („Joghurtdrops“ z.B.). Kaninchen sind Veganer!

Die Pellets werden von den Kaninchen viel zu schnell gefressen, unzureichend gekaut, sie quellen im Magen auf, es kommt zu schwersten Verdauungsstörungen, Zähne und Kiefer werden zerstört – und nicht zuletzt verfetten die Kaninchen durch das Übermaß an Kalorien in diesen Produkten.

Alles in allem verhält es sich mit diesen Futtermitteln genauso wie mit den stark verarbeiteten, denaturierten Lebensmitteln für Menschen, sie sind schlicht und ergreifend schädlich für den Organismus. Lassen Sie sich nicht von den Versprechungen der Industrie und durch ansprechend gestaltete Verpackungen blenden, sie stammen von Marketingexperten, nicht von Kaninchenexperten.

Durch die Fütterung von Pellets und Trockenfutter entstehen oft Langzeitschäden, chronisch kranke Kaninchen, die ihr Leben lang regelmäßig zum Tierarzt gebracht werden müssen. Mit einer artgemäßen, gesunden Nahrung können Stress und Schmerzen für die Kaninchen und nicht zuletzt hohe Tierarztkosten für die Halter oft ganz einfach vermieden werden.

Natürlich gibt es leider auch Tiere, die durch unverantwortliche Zucht genetisch bedingte Zahnstellungsfehler haben. Diese Kaninchen müssen auch bei vorbildlicher Ernährung in regelmäßigen Abständen dem Tierarzt vorgestellt werden. Aber es ist mitunter möglich, durch richtiges Futter zumindest die zeitlichen Intervalle zwischen den Besuchen zu verlängern.

Ein Kaninchen, das bisher ungesund ernährt wurde, sollte deshalb immer auf gesundes Futter umgestellt werden – um Kosten für den Halter zu vermeiden, aber auch ganz einfach für das Wohlbefinden des Tieres. Das Verdauungssystem der Kaninchen ist jedoch sehr empfindlich. Die Darmflora gerät schnell aus dem Gleichgewicht, was Durchfall und andere Erkrankungen zur Folge hat. Futterumstellungen müssen deshalb immer langsam gemacht werden!