Bezoare, ein Erfahrungsbericht

Bezoare – Haarballenansammlungen im Kaninchenmagen

 

Leider kommen Verdauungsprobleme, vor allem bei kleineren Kaninchen, häufiger vor. Die Ursachen sind oft sehr vielfältig und reichen von Zahnproblemen über schlechte Ernährung bis hin zu Darmparasiten. Eine der Ursachen für Verdauungsprobleme bei Kaninchen sind Haarballenansammlungen im Magen. Manchmal gehen diese Bezoare (vermischte Haar-Futter-Gemische) nicht mehr richtig über den Verdauungstrakt ab, sondern verweilen im Magen und führen zu lebensbedrohlichen Erkrankungen. Oft bleibt dann nur eine Magenoperation als letzter Ausweg. Dies ist ein schwerer Eingriff, der wohlüberlegt sein muss. Manchmal kann er aber einem Kaninchen das Leben retten, wenn er rechtzeitig ausgeführt wird, d.h. vor allem, solange der Kreislauf des betreffenden Kaninchens noch stabil genug für eine OP ist.

 

Typische Köttelketten, bei zuvielen Haaren im Magen-Darm-Trakt eines Kaninchens

 

Es folgt nun ein kurzer Erfahrungsbericht über genau so eine Magenoperation, wie es dazu kam und wie sich die lange Nachsorge gestaltete, ehe das Kaninchen alles überstanden hatte.

 

Unser Sammy, ein Rex-Satin-Widder und „Zahni“ (Zahnpatient), dem mittlerweile 7 Backenzähne fehlen, hatte zuletzt leider immer wieder mit Verdauungsproblemen zu kämpfen. Trotz seiner massiven Kieferprobleme, die er schon seit knapp 3 Jahren hatte, gab es bei ihm zunächst keine signifikanten Verdauungsprobleme. Er fraß gut und köttelte auch ganz normal. Allerdings verlor er eine Partnerin nach 2 Jahren des gemeinsamen Zusammenlebens durch eine Magenaufgasung. Diese Häsin hatte ihn immer ausgiebig geleckt und im letzten Jahr ihres Lebens beinahe wöchentlich Probleme mit der Verdauung bekommen. Letztlich starb sie beim geschätzten fünfzigsten Mal in meiner Tierarztpraxis, wo man ihr nicht mehr helfen konnte. Viele Röntgenbilder, über die Monate verteilt, darunter auch zweimal ein Kontraströntgen, hatten nie einen eindeutigen Beweis für ein Bezoar geliefert, so dass wir sie immer mit konventionellen Mitteln behandelt hatten, bis diese letztlich ausgeschöpft waren. Zuletzt wollten wir noch eine Notoperation einleiten, um den Magen zu öffnen, aber ihr Kreislauf war leider nicht mehr stabil genug, um diesen schweren Eingriff überstehen zu können.

So zog nach ihrem Tod eine weitere Häsin zu unseren Sammy, die allerdings schon nach einem Jahr massive Probleme mit der Verdauung bekam und viele Köttelketten machte. Da hatten wir dann erstmals das spezielle Fell von Sammy in dem Verdacht, dafür verantwortlich zu sein, zumal er nun auch anfing, Probleme mit Haaren in seinem Verdauungstrakt zu bekommen. Unsere neun weiteren Kaninchen, die in anderen Gruppen bei uns lebten, zeigten über die Jahre hingegen überhaupt keine gleichartigen Probleme, was unseren Verdacht bezüglich Sammys Fell noch erhärtete. Gegen Ostern bekamen dann Berulfinja, so hieß die Häsin, und Sammy gleichzeitig massive Probleme mit Haaren im Magen. Sofort wurden wieder alle Gegenmaßnahmen eingeleitet. Während wir Sammy vorübergehend stabilisieren konnten, verstarb seine Partnerin nach nur 18 Stunden. Bei Sammy wurde wiederum ein Kontraströntgen gemacht, wo zwar kein Hinweis auf einen Bezoar entdeckt werden konnte, aber herauskam, dass der Magenausgang keinen Nahrungsbrei mehr durchließ. Jetzt hieß es, schnell eine Entscheidung zu treffen und so beschlossen wir, eine Operation zu wagen, solange Sammy noch stabil genug war.

 

Bei der Operation kam eine 3 cm dicke und 20 cm lange „Fell-Nahrungsbrei-Schlange“ zum Vorschein, die so niemals mehr auf natürlichem Wege durch den Darm abgegangen wäre. Die Operation erwies sich letztlich als einzige Möglichkeit, Sammys Leben zu retten.

 

Die “Haarschlange”, welche Sammy bei der Magenoperations entfernt wurde. Orginalfoto mit freundlicher Genehmigung  von Frau Dr. Brigitte Schmidt

 

Zum Glück fraß Sammy, nachdem er aus der Narkose aufgewacht war, wieder ein wenig, wenn auch nicht genug. In den folgenden Tagen ging es ihm immer schlechter, er wurde wieder zugefüttert, seine Köttel wurden immer winziger. Letztlich mussten wir nach einer knappen Woche mit ihm nachts in die Tierklinik fahren, wo wir ein Röntgenbild machen ließen und ich ein Kontrastmittel (Bariumsulfat) mitbekam, damit am nächsten Tag ein Kontraströntgen gemacht werden konnte. Es zeigt sich dann, dass er nur sehr wenig Nahrungsbrei im Magen hatte. Die Naht konnte man auch gut sehen und feststellen, dass sie nach wie vor hielt, da das Bariumsulfat in die Wunde hineindiffundiert war. Weil die Naht stabil wirkte, wagten wir es, die Menge beim Zufüttern zu erhöhen. Doch trotz der immer massiveren Zufütterung, wobei Sammy aber auch so noch selbstständig fraß, wurde er immer dünner. Am Tiefpunkt, etwas über 3 Wochen nach der Operation, wog er von ehemals 2200 Gramm nur noch 1590 Gramm und war sehr dünn und mager. Das Rückgrat und die Rippen traten deutlich hervor; er gab ein jammervolles Bild ab.

 

Sammy einige Tage nach der Magenoperation, da war er noch vergleichsweise fit.

 

Erst ab da ging es dann ganz langsam wieder aufwärts. Irgendwann zeigten die Maßnahmen, die wir ergriffen hatten, also Medikation, Kotsuspensionen und Zufütterung, ihre Wirkung. Zunächst nur unmerklich, dann aber immer mehr, legte Sammy wieder an Gewicht zu. Zwei Wochen nach dem Tiefpunkt wog er schon wieder 1880 Gramm, was bedeutete, dass er die Zufütterung nun nicht mehr brauchte, da er wieder genug selbst fraß. Heute, nach über drei Monaten, bringt er wieder stolze 2120 Gramm auf die Waage und ist damit über dem Berg. Er ist endlich wieder ein quirliges und lebensfrohes Kaninchen.

 

Sammy heute, nach überstandener Magenoperation.